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Was kann ich als Helfer tun? – Praktischer Leitfaden zur Krisenintervention bei akuter Suizidgefahr

Freunde als Helfer – die unterschätzte Kraftquelle in der Krise

Freunde, Bekannte, Verwandte, all diejenigen Menschen, die mittels eines offenen Gesprächs den Zugang zu einem Menschen in der Krise finden, leisten eine wesentliche Unterstützung, damit diese besser bewältigt werden kann. Dies führt jedoch nicht selten zu einer Überforderung der Helfer, da es sich für diese meist um Ausnahmesituationen handelt. Wir wollen Ihnen hier einen Leitfaden anbieten, der sich in Krisensituationen bewährt hat.

Faktum ist, dass wir bei unserem Handeln niemals eine 100%-ige Erfolgssicherheit haben können. Aber wir können die Erfolgswahrscheinlichkeit für ein gelungenes Leben erhöhen, wenn wir strukturiert vorgehen und uns mit unseren eigenen Gefühlen ernst nehmen.

Grundsätzliches

In zugespitzten psychosozialen Krisen besteht ein hohes Risiko, dass Menschen suizidal werden. Für den betroffenen Menschen haben diese Gedanken und Absichten oft eine sinnvolle Funktion. Diese stellen jedenfalls immer ein Notsignal dar, das vom Umfeld nicht überhört werden darf.

In dieser Phase ist die Einschätzung des Gefährdungspotenzials wesentlich. Dafür ist es notwendig, zuerst eine Beziehung mit dem betroffenen Menschen herzustellen.

Beziehungsaufnahme

  • - Nehmen Sie Kontakt mit dem Betroffenen auf. Gehen Sie auf ihn zu. Bieten Sie ihm Beziehung an. Er hat alleine oft nicht mehr die Kraft dazu. Zeit, Zuwendung, Fürsorge sind das Wichtigste, was Sie ihm in dieser Situation zur Verfügung stellen können.
  • - Nehmen Sie ihr Gegenüber wahr als jemanden, der um Lösungen für sein Leben ringt. Versuchen Sie, nicht zu werten und zu urteilen, auch wenn es nicht um Ihre eigenen Lebenskonzepte handelt.
  • - Wertschätzung für den Menschen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Gesprächsführung

  • Ideal ist es, wenn es gelingt, eine Gesprächssituation herzustellen, in welcher der Betroffene offen über seine verzweifelte Situation, vielleicht sogar über seine Suizidimpulse sprechen kann
    Wenn Sie sich große Sorgen machen, können sie dies dem Betroffenen auch mitteilen, z.B.

„Ich mache mir große Sorgen um Sie, da Sie mir vermitteln, dass Sie sehr verzweifelt sind und ihre Suizidabsichten sichtbar sind. Ich möchte mit Ihnen darüber reden, wie sie sich ausreichend schützen können.“

  • Menschen sollen möglichst viel über die auslösenden Ereignisse und die damit verbundenen Emotionen sprechen können, seien dies Trauer, Schuld- und Schamgefühle, Ängste oder Aggressionen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.
  • Eine Suizidabsicht darf weder heruntergespielt (z.B. durch vorschnelle Tröstung durch den Helfer, welche die Verzweiflung und Nöte des Betroffenen abwerten kann) noch verherrlicht werden.
  • Das offene und direkte Ansprechen von Suizidphantasien und -plänen ermöglicht nicht nur eine klare Einschätzung der Gefährdung, sondern ist für den Betroffenen auch entlastend. Oft haben sich Menschen schon lange mit diesen Gedanken und den damit verbundenen inneren Konflikten gequält, ohne dass sie mit einer anderen Person darüber gesprochen haben. Ein Gespräch hat daher einen großen Wert für suizidale Menschen. Eine mögliche diesbezügliche Frage könnte sein: „Sie wirken so verzweifelt auf mich, haben Sie schon einmal daran gedacht, sich das Leben zunehmen?“
  • Hier kann sichtbar werden, ob es eine aktuelle Krise ist oder ob es sich um ein immer wiederkehrendes Problem handelt.
  • Wichtig sind auch ressourcenorientierte Fragen, damit die Menschen mit ihrer inneren Kraft, die zu diesem Zeitpunkt meist nicht spürbar ist, wieder in Berührung kommen. Durch diese Fokussierung auf die verborgenen Stärken und mit dem Wissen, dass die Menschen die Lösungen für ihre Probleme in sich selbst tragen, sie aber zur Zeit vielleicht noch nicht abrufen können, wird vielleicht der Samen für neue Sichtweisen gelegt. Dies kann die Basis zur Überwindung von „Krisen-Trancen“ hin zu neuen Möglichkeiten sein.
  • Die wertvollste Intervention überhaupt ist es möglicherweise, dem Betroffenen wertschätzend zuhören zu können.

Stellen Sie die nächsten Fragen erst nach einiger Zeit. Achten Sie auf Ihr Gespür, wann der richtige Zeitpunkt dafür sein könnte.

  1. „Wie haben Sie es bisher geschafft, am Leben zu bleiben?"
  2. „Was hat in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen (gab es diese?) geholfen?"
  3. „Welche Auswirkungen würde es auf Ihr Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitskollegen ...) haben, wenn Sie sich das Leben nehmen würden?"
  4. Was würde Ihnen jetzt am meisten helfen?
  5. Gibt es noch Personen, von denen Sie glauben, dass diese Sie in der jetzigen Situation unterstützen könnten?

Einschätzung der Gefährdungssituation –
nächste Schritte

Das ist einer der schwierigsten Bereiche, der auch für professionelle Helfer manchmal nicht ideal lösbar ist. Zwei Kriterien sind wesentlich:

Ist Kooperationsfähigkeit möglich?

Ist die Beziehung Helfer-Klient tragfähig und ist es möglich, über das unmittelbare Gespräch hinaus zu kooperieren, dann steigen die Erfolgschancen. Unter Umständen ist es notwendig, ein dichtmaschiges Helfernetz zu organisieren (Angehörige oder als positiv erlebte Bezugspersonen). Überlegen ob/wie telefonische Erreichbarkeit sichergestellt werden kann.

Selbst/Fremdgefährdung – Kontaktaufnahme mit Krankenhäusern

Wenn es nicht gelingt, eine Beziehung zu einem Menschen mit Suizidabsichten herzustellen oder durch die Beziehungsaufnahme keine deutliche Entlastung eintritt, ist eine stationäre Aufnahme in einem psychiatrischen Krankenhaus unumgänglich. Eine Selbstgefährdung ist dann gegeben, wenn der Eindruck entsteht, dass der Klient bis zum nächsten Termin die Verantwortung für sein Weiterleben nicht übernehmen kann.

Eine besonders gefährliche Situation stellt die Fremdgefährdung abhängiger Personen (Mütter, kleine Kinder) oder die Fremdtötung mit anschließendem Suizid dar.

 

Eine hilfreiche Fragestellung könnte sein

„Nach unserem Gespräch habe ich den Eindruck, dass – wenn Sie alleine zu Hause sind – die Verzweiflung immer besonders groß ist und Sie sich dann nicht ausreichend schützen können. Ich würde daher vorschlagen, dass Sie sich für einige Tage im Krankenhaus aufnehmen lassen, um Abstand von der Situation zu bekommen.“

Bei der Kontaktanbahnung zu psychiatrischen Kliniken ist nach Möglichkeit immer ein Konsens mit dem Betroffenen und den Angehörigen zu suchen. Oft ist es auch hilfreich, den Betroffenen direkt zur Hilfseinrichtung zu begleiten.

Wenn die Einsicht des Betroffenen fehlt, kann eine Zwangseinweisung nötig sein (Anruf bei der Polizei 133).

Und wie geht es dem Helfer?

Achten Sie gut auf sich, dass Sie nicht zu weit über Ihre Grenzen gehen. Optimismus und Kraft sind wichtige Eigenschaften von Helfern. Holen Sie sich externe Hilfe, wenn Sie fühlen, dass Sie unsicher werden. Wichtig ist es, in solchen Extrem-Krisen-Situationen professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, da wir uns hier in Grenzsituationen zwischen Leben und Tod befinden. Diese Situationen lösen auch im Helfer verschiedene Gefühle aus und sind oft sehr belastend. Die Frage nach der eigenen Einstellung zum Thema Suizid wird offenkundig. Die Aufgabe des Helfers ist immer, bestmöglich den Anteil des Klienten zu unterstützen, der weiterleben möchte.

Machen Sie sich bewusst, dass im Schlimmsten Fall ein Suizid nicht verhindert werden kann – trotz allem Engagement und der Bereitschaft der Helfer. Was letztlich den Ausschlag dafür gibt, dass ein Mensch sich entscheidet weiter zu leben oder nicht, bleibt oft im Verborgenen


 
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